Vor einiger Zeit wurden wir über ein wissenschaftliches Paper, das sich weitgehend mit einem HEROES Projekt in einer anderen Stadt beschäftigt in Kenntnis gesetzt.
Nach dem Lesen des Papers waren wir alle geschockt und bestürzt. Darum möchten wir hier versuchen Fragen zu stellen und eine Art Gegendarstellung formulieren.
Ist es möglich, dass es sich um ein Missverstehen oder eine Fehlinterpretation unserer Arbeit handelt oder gehen die Autor:innen einfach etwas zu weit in notwendiger Kritik an unserer Arbeit.
Alle Mitarbeitenden bei HEROES sind sich der Tatsache bewusst, dass unsere Arbeit von Politiker:innen und Journalist:innen aus der Mehrheitsgesellschaft missverstanden und missinterpretiert wird, und zwar mit frustrierender Regelmäßigkeit. Aber sollten nicht wenigstens wissenschaftliche Arbeiten gründlich genug vorgehen, um grundlegende Fakten richtig wiederzugeben? Warum wird Menschen, deren Arbeit hier entwertet wird keine Möglichkeit gegeben, vor diese zu kommentieren?
Es gibt sicherlich einige Aspekte unserer Arbeit, über die sich diskutieren lässt und in Bezug auf unsere Arbeit freuen wir uns natürlich über konstruktive Kritik, aber wir halten den Text in vielen verschiedenen Punkten für irreführend. Manche Probleme stammen aus der Tatsache, dass unsere eigentliche Arbeit nie beschrieben wird. Ebenso wenig geben die Autor:innen den Rahmen an, innerhalb dessen wir arbeiten.
Also wollen wir versuchen einen Überblick über unsere Arbeit zu geben: HEROES ist in allererster Linie ein feministisches Projekt zur Förderung von Gleichstellung und um spezifische Formen von Ungleichheit und Unterdrückung zu adressieren, welche in manchen Gesellschaften auf eine andere Art sichtbar sind, als in anderen und die mit patriarchalen Konstruktionen von Ehre erklärt werden. Dies gilt in keinem Fall nur für „den Islam“ oder „Muslimische Männlichkeit“. Zu diesem Zweck arbeiten wir mit jungen Männern mit Migrationshintergrund an Themen rund um den Bereich Geschlechterrollen und Gleichberechtigung. Ein weiteres wichtiges Thema ist für uns Rassismus und insbesondere Rassismuserfahrungen, die die Jugendlichen selbst, ihre Eltern aber auch wir Mitarbeitende machen müssen. Mit diesen Themen beschäftigen sich die Jugendlichen in einer ca. einjährigen Ausbildungszeit. An deren Ende werden sie als Heroes zertifiziert und werden dann von uns in Schulklassen begleitet, um dort Workshops zu halten.
Widmen wir uns nun wieder dem eingangs genannten Paper.
Uns ist sehr wohl bewusst, dass es viele muslimische Männlichkeiten gibt, manche davon sind sehr toxisch, andere weniger oder gar nicht. Dies gilt ebenso für christliche, jüdische und Hindu Männlichkeiten und vermutlich für alle anderen religiösen und kulturellen Identitäten. An keiner Stelle heben wir Islam oder Muslime als das Problem hervor. Ebenso wenig werden Christentum oder Christen aus unseren kritischen Reflexionen ausgenommen. Außerdem fragen wir junge Männer, die zu uns kommen zunächst einmal nicht nach ihrer Religion. Sie gehören alle nicht zur Mehrheitsgesellschaft und erleben dadurch Rassismus, das ist der gemeinsame Nenner. Wir konzentrieren uns auf diese jungen Männer, nicht weil wir sie für das Problem halten, sondern weil sie vor bestimmten Herausforderungen stehen, vor denen andere junge Männer nicht stehen. Muslime sind die größte Gruppe unter ihnen, wir haben aber auch orthodoxe und katholische Christen, Eziden und Atheisten sowie Angehörige anderer Religionen. Dieser Fakt wird im Text überhaupt nicht reflektiert und schon gar nicht im Titel.
Noch problematischer wird es, wenn ausgelassen wird, dass diejenigen die tatsächlich mit den jungen Männern arbeiten (Gruppenleiter), denselben ethnischen oder religiösen Hintergrund haben, wie die jungen Männer selbst. Das ist sehr bedeutend, weil es heißt, dass viele von uns selbst Muslime sind oder aus muslimischen Familien stammen. Tendenziell lässt sich am ehesten sagen, dass Religiosität für Gruppenleiter eine eher geringe Rolle spielt.
In der Einleitung wird angedeutet, dass die Silvesternacht 2015/16 ein bedeutender Meilenstein in der Entwicklung der deutschen Politik gegenüber Muslimen in Deutschland darstellt. Das mag durchaus sein, es gibt aber keine Verbindung zwischen der Entstehung der HEROES Projekte in Berlin, NRW oder Nürnberg. Alle unsere Projekte entstanden deutlich vor den angesprochenen Ereignissen – in Berlin 2007, in NRW 2011 und in Nürnberg 2013. Es wäre wichtig gewesen, diese Daten in der Einleitung anzusprechen.
Diese Liste aus Auslassungen und Halbwahrheiten geht dann auch so weiter… Wir wollen hier nur einige wenige ansprechen: Auf Seite 4 sprechen die Autor:innen zu Recht an, dass der „muslimische Mann nur als negatives Gegenstück, als Unterdrücker-Figur, welche aus dem nationalen Kollektiv ausgeschlossen werden muss“ in femo- und homonationalistischen Diskursen auftaucht. An keiner Stelle wird erwähnt, dass eines der Ziele unserer täglichen Arbeit genau darin besteht, diesen Stereotypen entgegenzustehen. In vielen Fällen arbeiten wir mit Pädagog:innen an ihren Vorurteilen, genau weil wir wissen, wie verbreitet diese sind und wie ihre Arbeit z.B. als Lehrkräfte durch diese Art zu denken, beeinträchtigt werden kann.
Diese Auslassungen sind alle sehr problematisch, aber eine sollte besonders nachdrücklich hervorgehoben werden: die Workshops!
Neben den Gruppenstunden mit den jungen Männern, die zu uns kommen, sind Workshops der wichtigste Teil unserer Arbeit. Und während wir in Einzelfällen in Jugendzentren oder an Schulen vor Gruppen stehen, die deutlich überwiegend oder ausschließlich muslimisch sind, ist dies bei weitem nicht die Norm. Weit über 90 % unserer Workshops finden mit regulären Schulklassen statt, mit Schüler:innen jeglicher Religion und Herkunft. Die einfache Tatsache, dass dies unser Zielpublikum ist, eine Klasse mit Schüler:innen, ungeachtet Religion oder Herkunft, sollte eigentlich genügen, um zumindest einen großen Teil der Kritik zu entkräften.
Wir arbeiten nicht im Namen der Mehrheitsgesellschaft gegen ethnisch oder religiös als „fremd“ konstruierte Muslime. Wir arbeiten im Namen der Geschlechtergerechtigkeit gegen patriarchales und sexistisches Denken in der Gesamtgesellschaft.
Ein weiteres großes Problem im Text ist die völlige Misrepräsentation von „Lifepoint“ als einem HEROES Projekt. Es gab zu keinem Zeitpunkt ein „christliches“ HEROES Projekt.
Wir sehen es als unsere Aufgabe an, empowernde und selbstbestätigende Arbeit mit den jungen Männern die zu uns kommen zu machen. Wenn sie sich, im Kontrast zu dem wie Teile der Mehrheitsgesellschaft sie sehen, selbst als „deutsch“ identifizieren, dann unterstützen wir sie darin aus vollstem Herzen. Wenn sie sich im Gegensatz stolz mit der kulturellen, religiösen oder ethnischen Herkunft ihrer Eltern oder sogar Großeltern identifizieren, dann unterstützen wir sie mit ebenso großer Überzeugung. Was für uns zählt ist, dass sie selbst über ihre Identitäten bestimmen können – weder ihre Eltern noch die Mehrheitsgesellschaft haben das Recht für sie zu entscheiden und viele beanspruchen für sich eine hybride Identität.
Zusammenfassend hoffen wir, dass unsere Arbeit für sich steht und das künftige Publikationen diese Arbeit in den Vordergrund stellen.